Orientierungspraktikum an einem Förderzentrum mit Schwerpunkt geistige Entwicklung (Hauptschulstufe)

Ohne jegliche Instruktion, Vorwarnung oder ähnliches stehe ich nun im Rahmen meines Orientierungspraktikums in der 7. Klasse einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Diese Klasse besuchen 11 Kinder im Alter zwischen 12 und 14 Jahren, drei von ihnen werden von ihren Schulbegleitern im Schulalltag unterstützt. Neben der Klassenlehrerin gibt es noch eine Kinderpflegerin, einige Dienstagspraktikanten und für die nächsten zwei Wochen – mich. 

Im Sinne des rhythmisierten Unterrichts beginnt jeder Morgen gleich, und zwar mit einem Stuhlkreis. Dann dürfen immer zwei Schüler der Lehrerin helfen, ihre Mitschüler mit kleinen Bällen zu massieren. So kehren die Schüler noch mal in sich und tanken Ruhe und Kraft für den Schulalltag. 

Wenn der Unterricht nun beginnt, kann es sein, dass manche Kinder abgeholt werden oder erst später dazustoßen. Im Schulhaus gibt es nämlich diverse Therapiemöglichkeiten für die Schüler, ohne einen belastenden Ortswechsel vornehmen zu müssen. Das Angebot reicht von Ergo- bis zur Musiktherapie und diversen Möglichkeiten zur Körpererfahrung für Schüler mit schweren Behinderungen. 

Im Unterricht wird sehr auf die Individualität der einzelnen Schüler geachtet. Die Aufgaben in den Lernkisten für Mathe und Deutsch sind auf jedes Kind individuell abgestimmt, holen es dort ab, wo es momentan steht. Ein autistischer Junge rechnet zum Beispiel Multiplikationsaufgaben im Zahlenraum über 100, doch heute ist er noch erschöpft von seinem ereignisreichen Wochenende und muss erst mit einer kleinen Süßigkeit angespornt werden. Sobald neue Themen erarbeitet werden müssen, führt die Lehrerin sie meist im Frontalunterricht ein, in der nächsten Stunde jedoch dürfen die Schüler beim Stationenlauf das Thema nochmals selbst erarbeiten und zwar jeder mit individuell angefertigten Arbeitsblättern, damit jeder Schüler das Thema auf seinem Niveau weiter bearbeiten kann. Wie auch bei den Lernkisten kann jeder so selber das Lerntempo bestimmen und der Lehrerin über einen Stempel mitteilen, ob die Aufgabe leicht oder schwer zu bewältigen war.    

Jede Unterrichtssequenz wird von der Lehrerin so gestaltet, dass jeder Schüler, egal auf welchem Lernlevel er sich gerade befindet, auf angemessene Weise Fortschritte machen kann. Auch die Schüler, die nicht sprechen können, werden durch verschiedene Hilfssysteme dazu angeregt, ihrer Umwelt Gefühle und Bedürfnisse mitzuteilen. So werden die autistischen Schüler mittels gestützter Kommunikation, Tonbandgeräten oder durch ein spezielles Lernsystem (der Schüler sucht sich selbst aus, wie viele Aufgaben er machen möchte und welche Belohnung er dafür erhält) immer in das Unterrichtsgeschehen mit einbezogen. Kann sich ein Schüler einmal nicht besonders gut konzentrieren, gibt es die Möglichkeit, eine Pause im angrenzenden Raum zu machen. Aber auch andersherum ist es Normalität auch Schüler, die zwar geistig behindert sind, aber dennoch absichtlich unter ihren Möglichkeiten bleiben oder besonders viel Schabernack treiben, in der Pause ihr Pensum abarbeiten zu lassen. Denn sie sind Jugendliche wie alle anderen auch.    

In den zwei Wochen meines Praktikums habe ich sehr viele lustige Momente erlebt. Eines meiner persönlichen Highlights war, als nur ein Schüler während der Pause im Nebenzimmer des Klassenraumes blieb, da er von seiner Mama einen sehr leckeren Kuchen als Pause mitbekommen hatte. Allerdings sollen die Schüler erst eine halbe Stunde lang draußen toben, bevor sie eine halbe Stunde Zeit haben, im Klassenzimmer ihre Brotzeit zu essen. Nun war der Kuchen aber sehr verlockend und der Schüler wollte partout nicht nach draußen gehen und schmiss sich lieber auf den Boden bis die Pause zu Ende war. Zufrieden mit sich schob er kurz vor Ende der Pause einen befreundeten Schüler in seinem Rollstuhl herum und alberte mit mir und einem weiteren Studenten. Nun konnte er endlich seinen Kuchen und die Breze genießen und all der Ärger war verflogen.    

Fazit: 
Ohne jegliche Vorerfahrung trat ich mein erstes Praktikum innerhalb meines Studiums zur Sonderschullehrerin mit der Richtung Verhaltensgestörtenpädagogik (Grundschule) an. Innerhalb weniger Tage jedoch fing ich an mich richtig wohl zu fühlen in meiner Klasse. Schnell habe ich auch selbstständig Aufgabe ausgeführt und den Schülern geholfen und sie, wenn es nötig war auf Fehler oder unerwünschtes Verhalten aufmerksam gemacht. In den Pausen habe ich oft mit den Schülern Fangen oder Kitzeln gespielt und habe aber dabei immer auf Distanz geachtet und meine Privatsphäre ohne Schwierigkeit verteidigen können. Sogar die von mir befürchteten anfänglichen Berührungsängste waren schon am zweiten Tag gänzlich verflogen. Die Zeit während des Orientierungspraktikums verflog wie im Zeitraffer und ich hatte ständig auffallend gute Laune. Die Schüler geben einem wahnsinnig viel, da sie herzlich, fröhlich und sehr ehrlich sind. Jeden Morgen freuen sich hier Schüler und Lehrer aufeinander und die Atmosphäre ist warmherzig, jedoch in keinster Weise „betüdelnd“. An dieser Förderschule wird sehr auf die Individualität und Heterogenität der Schüler, sowie die Altersangemessenheit des Umgangs geachtet. Ich habe in den zwei Wochen viel gelernt und freue mich sehr darauf, in meiner Zukunft Kindern und Jugendlichen als Wegbegleiterin Unterstützung bieten zu dürfen.   

(Laura Haug, Studentin LA Sonderschule)

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